Croisette und Neustadt
Croisette und Neustadt Cannes (Alpes-Maritimes) Süd-Frankreich
Ein kleines Kreuz (crocetta) am östlichen Zipfel der Bucht gab der Croisette, der Einkaufs-, Hotel- und Flaniermeile von Cannes (Alpes-Maritimes) in der Provence von Süd-Frankreich bei ihrer Erschaffung 1868 den Namen. Seit 1871 gehören Palmen in doppelter Reihe zu ihrem Bild, denen der schwere Frost vom Februar 1985 zum Teil böse zugesetzt hat. Große Teile des Strands sind so künstlich wie die Scheinwelt von Cannes: 125 000 m3 Sand mussten für das Badevergnügen aufgeschüttet werden, ein kostspieliges Vergnügen, doch Geld hatte in Cannes noch nie eine Rolle gespielt.
Modeschöpfer Jacques Fath gab in den 50er Jahren einen Ball für 3000 Gäste, zu dem er selbst als Sonnenkönig erschien. Solche Zurschaustellung ist selbst in Cannes selten geworden. Nicht so die über Jahrzehnte fein ausgeklügelten Riten, wie die des Plage-Systems. Streng abgezirkelt wird der Strand etappenweise bewirtschaftet, mit kostenpflichtigen Liegestühlen, Sonnenschirmen und sündhaft teuren Restaurants. Die Zugehörigkeit zu einer Plage in diem Teil der Cote d`Azur fungiert als soziales Barometer, dessen unterstes Ende die beiden öffentlichen Strände an Anfang und Ende der Croisette kennzeichnen.
Im Westen markiert das 1982 gebaute Palais des Festivals brachial den Beginn der Croisette. Von Anfang an als „le bunker“ verschrien, blieb der Spottname am Betonungetüm aus Festspielsälen, Ausstellungshalle, Konzertsaal, Casino und Nightclub hängen. Auf der anderen Straßenseite erinnert der Square Mérimée an den Schöpfer von „Carmen“, der im Eckhaus der Rue Jean-de-Riouffe 1870 verstarb. Weiter in östlicher Richtung stand bis 1988 das alte Festivalpalais aus dem Jahre 1947, dessen Fassade in den wenig überzeugenden Hotelkomplex des klotzigen Noga-Hilton integriert wurde.
Der schöne Rest der Croisette ist pures Fin de siècle mit Balustern. An der breiten Uferpromenade kann man sich unter den Fliesen mit den Handabdrücken von Stars und Starlets seinen Lieblingsschauspieler suchen. Zur Stadtseite folgt die verschwenderisch aufwendige Triade der Cannes-Hotels Carlton, Miramar und Martinez. Das 1907 eröffnete Carlton sticht die beiden Konkurrenten unübersehbar aus. Der Lokalfama zufolge sollen die birnenförmigen Eckkuppeln den Brüsten der „schönen Otéro“, der großen Luxuskokotte der Belle Epoque, nachempfunden sein. Hier traf Fürst Rainier den „amerikanischen Schwan“ Grace Kelly, die im Carlton zuvor mit Cary Grant „Über den Dächern von Nizza“ gedreht hatte.
Hinter dem Jachthafen Port Canto endet der Boulevard de la Croisette an der fast 600 m ins Meer reichenden Pointe de la Croisette. Mit dem 1929 auf die Landspitze gesetzten Casino Palm-Beach wurde gleichzeitig Cannes' erste Sommersaison lanciert. Zurück in Richtung Carlton sticht die Rue du Canada von der Croisette zur Rue d'Antibes durch. Die Luxusmeile kleiner, aber feiner Edelboutiquen (Prêt-à-Porter, Confiserien, Parfümerien, Juweliere) geht in Richtung Altstadt in die Rue Felix-Faure über. An beider Schnittstelle liegt gegenüber des Splendid-Hotels die ZansiBar, in der Klaus Mann Stammgast war, so auch am Abend seines Selbstmords 1949. Auf der anderen Seite des Hotels weitet sich mit der Platanenanlage der Allées de la Liberté das Herz von Cannes. Hier wird Blumenmarkt gehalten und Boule gespielt. Hier steht auch Lord Brougham als Statue auf einem Sockel.
Nach Westen schließt das prachtvolle Hôtel de Ville seit 1876 den verkehrsfreien Platz ab. Von zwei Molen in schützende Zangen genommen bot der Vieux Port gegenüber den Allées de la Liberté schon Maupassants Jacht „Bel Ami“ einen sicheren Ankerplatz. Die Rue Louis-Blanc führt vom Hafenbecken stadteinwärts zur rosafarbenen Markthalle des Marché Forville, der 1870 außerhalb der Altstadt angelegt wurde. Kleine Restaurants und Lebensmittelläden reihen sich in den Seitensträßchen wie in der Fußgängern vorbehaltenen Rue Meynadier – bodenständige provenzalische Gassenatmosphäre, die man im mondänen Cannes nicht erwartet hätte.
Foto: VoyageMedia / Provence-Netz.de
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